Otto Hahn Gymnasium
Geesthacht
Vertiefender Unterricht Klasse 11a
Übung: Facharbeit
Frau Hielscher
Schuljahr 2002/03
A Room with a View
Lucy Honeychurch und
ihre Beziehungen zu George Emerson
und Cecil Vyse
Stefanie Gärtner
Koopskamp 2b
21502 Geesthacht
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Zielsetzung
2. E.M. Forster: Leben und Werk
3. „A Room with a View“ –
Zusammenfassung der Handlung
4. Die Hauptfiguren
4.1 George Emerson
4.2 Cecil Vyse
4.3 Lucy Honeychurch
5. Schlussbetrachtung
6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur
7. Abbildungsverzeichnis
8. Anhang (Sekundärliteratur)
1. Einleitung und Zielsetzung
Bei der Aufgabenstellung, eine Facharbeit unter dem Hauptthema „Anpassung und Widerstand“ zu schreiben, fielen mir zunächst nur offensichtliche Themen wie Widerstandsbewegungen oder auch die Mitläufer des Naziregimes ein. Da dieser Themenbereich aufgrund seiner andauernden Aktualität Gegenstand vieler Dokumentationen und Diskussionen ist, möchte ich mich auf dem Wege meiner Interessen und Neigungen dem Hauptthema „Anpassung und Widerstand“ nähern.
Der Roman „A Room with a View“ gehört schon lange zu meiner Lieblingsliteratur, und da ich mit dem Material sehr vertraut bin, haben sich mir hier auch viele Möglichkeiten geboten, mich mit dem Hauptthema auseinanderzusetzen.
Da es sich um einen sehr vielschichtigen Roman¹ handelt, der sich sowohl mit satirischer Gesellschaftskritik als auch mit philosophischen Elementen beschäftigt, möchte ich mich in meiner Facharbeit auf die Darstellung der Figuren George Emerson, Cecil Vyse und Lucy Honeychurch beschränken. Bezogen auf Lucy möchte ich anhand ihrer Beziehung zu den beiden Männern Anpassung und Widerstand verdeutlichen.
Im Folgenden werde ich nun zunächst den Autor und einen Überblick über seine Werke darstellen, dann werde ich den groben Inhalt des Romans wiedergeben und im Kernteil die drei Figuren darstellen. Abschließend werde ich eine Schlußbetrachtung formulieren.
¹Dazu als Beispiel „A reading of E. M. Forster’s A Room with a View“ von Rob Doll (siehe Literaturverzeichnis und Anhang)
2. E.M. Forster: Leben und Werk
Edward Morgan Forster wurde am 1 Januar 1879 in England geboren.¹ Er war das einzige Kind des Architekten Edward Morgan Forster (†1880) und Alice Clara („Lily“) Whichelo (1855-1945). Durch den frühen Tod seines Vaters wuchs er in einer von Frauen dominierten Umgebung auf. Den glücklichsten Teil seiner Kindheit verbrachte er in Rooksnest, Stevenage, bis er 1893 mit seiner Mutter nach Tonbridge zog und die dortige Schule besuchte. 1897 kam er ans King’s College in Cambridge, wo er u.a. stark durch seinen Freund G. M. Moore inspiriert wurde. 1902 reiste er ein Jahr mit seiner Mutter durch Italien. Hier fand die satirische Seite seiner ersten Romane auf das Verhalten von Engländern im Ausland ihre Grundlagen. Nach dieser Reise begann er für den „Independent Review“ in Cambridge zu schreiben und veröffentlichte 1904 seine erste Kurzgeschichte „The Story of a Panic“.
Darauf wurde 1905 sein erster Roman („Where Angels Fear to Tread“) veröffentlicht. Forster verbrachte einige Monate als Hauslehrer in Deutschland und veröffentlichte 1907 und 1908 seine nächsten Romane („The Longest Journey“ und „A Room with a View“), sowie „Howards End“ 1910, womit er sich als Schriftsteller etablierte. Er bereiste Indien (1912-13) und schrieb daraufhin während eines Besuches bei einem Freund den Roman „Maurice“, welcher erst 1971 (nach Forsters Tod) veröffentlicht wurde. Es ist die Geschichte eines jungen Homosexuellen und man vermutet heute, dass der Roman durchaus einen autobiographischen Hintergrund hat.
Nach dem Ausbruch des I. Weltkrieges arbeitete Forster eine Weile in der National Gallery in London und ging 1915 mit dem Roten Kreuz nach Alexandria. 1919 kehrte er nach England zurück und reiste 1921-22 wiederum nach Indien, wo er als persönlicher Sekretär für den Maharaja von den „Native States of Dewas Senior“ arbeitete. In den Jahren 1922-1924 beendete er schließlich sein berühmtestes Werk „A Passage to India“, welches im abschließenden Jahr erschien. Es sollte sein letzter Roman sein.
E.M. Forster begann, sich gegen die Zensur zu engagieren, wobei er 1960 sogar als Zeuge der Verteidigung zur Veröffentlichung von „Lady Chatterley’s Lover“ auftrat. 1927 veröffentlichte er „Aspects of a Novel“, eine Studie über das Schreiben von Romanen, sowie 1928 „The Eternal Moment“, eine Sammlung von Kurzgeschichten die er vor 1914 verfasste. Er schrieb die Biographie von „Goldsworthy Lowes Dickenson“ (1934) sowie von „Marianne Thornton“ (1956). Weitere Werke sind „Abinger Harvest“ (1936), „Two Cheers for Democracy“ (1951) und „The Hill of Devil“.
Zwischen 1949 und 1951 arbeitete Forster zusammen mit Eric Crozier an der Oper „Billy Bud“ und verbrachte seine letzten Jahre am „King’s College“ wo er am 7. Juni 1970 verstarb.
Neben „Maurice“ gab es noch eine weitere Veröffentlichung nach Forster Tod: „The Life to Come“ (1972), eine Sammlung von Kurzgeschichten, die ebenfalls zum Teil homosexuelle Themen hatten.
Seit den 80ern wurden auch mehrere Romane Forsters verfilmt. Erstmals 1984 unter der Regie von David Lean „A Passage to India“. James Ivory führte Regie in den Verfilmungen von „A Room with a View“ (1986 mit Helena Bonham Carter und Daniel Day-Lewis) welcher 1986 für acht Oskars nominiert wurde und davon drei gewann² , „Maurice“ (1987 mit Hugh Grant) und „Howards End“ (1992 mit Helena Bonham Carter, Emma Thompson und Anthony Hopkins). 1991 verfilmte Charles Sturridge „Where Angels Fear to Tread“, wiederum mit Helena Bonham Carter. In „Maurice“ trat sie in einer Statistenrolle auf.
¹Vgl. Drabble, Magaret: Aspects of E.M. Forster: Biography
http://emforster.de/hypertext/template.php3?t=life 18:00 04.01.03
Whang, Jennifer Y.: ‚Only Connect‘: Who is E.M. Forster?
http://www.musicandmeaning.com/forster/whois.html 19:45 04.01.03
² für die beste Ausstattung, das beste Drehbuch und die besten Kostüme
3. „A Room with a View“ – Zusammenfassung der Handlung
Der Roman „A Room with a View“ spielt Anfang des 20. Jahrhunderts. Im ersten Teil befindet sich die junge Engländerin Lucy Honeychurch zusammen mit ihrer Cousine Charlotte Bartlett auf einer Reise durch Italien. In Florenz beziehen sie Zimmer in der Pension Bertolini. Allerdings haben die Zimmer trotz ausdrücklicher Bestellung keine Aussicht auf den Arno. In der Pension treffen sie neben Hochwürden Arthur Beebe, der Autorin Eleanor Lavish und den beiden Miss Alans auf den einfachen Mr Emerson und seinen Sohn George. Mr Emerson bietet an, die Zimmer zu tauschen, da sein Zimmer und das seines Sohnes eine Aussicht hätten. Mit Mr Beebe als Vermittler kommt dieser Tausch schließlich zustande.
Als Lucy allein durch Florenz spaziert, wird sie Zeugin eines Mordes und fällt ohnmächtig in die Arme des zufällig anwesenden George Emerson. Wieder zu sich gekommen, versucht Lucy die Situation so formell wie möglich zu halten, George hingegen hat sich in sie verliebt.
Schließlich nehmen alle Pensionsgäste gemeinsam an einem Ausflug in die Berge teil. Als sich Lucy bei einem Picknick auf die Suche nach Mr Beebe macht, allerdings führt der Kutscher sie zu George. Dieser nimmt die Gelegenheit wahr und küsst Lucy leidenschaftlich. Auch Lucys Cousine Charlotte hat die Situation beobachtet und veranlasst am darauffolgenden Tag sofort ihre und Lucys Abreise.
Der zweite Teil des Romans spielt in Summer Street, einem kleinen Ort in England. Hier wohnt Lucy zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Freddy. Vor kurzem ist Mr Beebe Pfarrer in Summer Street geworden und Lucy verlobt sich mit dem Londoner Snob Cecil Vyse. Kurz darauf ziehen auch George Emerson und sein Vater nach Summer Street. Ausgerechnet Cecil hat ihnen dort ein Haus vermittelt.
George freundet sich mit Lucys Bruder Freddy an und wird zu einem regelmäßigen Gast in Windy Corner, dem Haus der Familie Honeychurch. Nachdem Cecil eine Szene aus dem neuen Buch von Eleanor Lavish laut vorliest, die der Kussszene zwischen Lucy und George sehr ähnlich ist, wagt George es sie wiederum zu küssen. Diesmal zieht Lucy die Konsequenzen. Sie stellt George zur Rede und will ihn nie wieder in Windy Corner sehen. Trotzdem löst sie am selben Abend noch die Verlobung mit Cecil.
Lucy beschließt zu verreisen, um sich und ihre Gedanken wieder zu ordnen. Doch noch vor ihrer Abreise kommt es im Hause Mr Beebes zu einem Gespräch zwischen Georges Vater und Lucy. Er stellt Lucy zur Rede und sie gesteht ihre Liebe zu George ein.
Im letzten Kapitel befinden Lucy und George sich auf ihrer Hochzeitsreise in Florenz, in der Pension Bertolini, in einem Zimmer mit Aussicht auf den Arno.
4. Die Hauptfiguren
4.1 George Emerson
Julian Sands als George Emerson
George gehört zur einfachen englischen Arbeiterschicht. Sein Vater ist Journalist gewesen und er ist Verwaltungsangestellter bei der Eisenbahn. Von den anderen Pensionsgästen werden sie deshalb als „Touristen ohne Kinderstube“¹ eingestuft. George verhält sich gegenüber den anderen Gästen passiv. Dementsprechend hält Mr Beebe ihn für zurückhaltend, aber intelligent (vgl. S. 20). Sein Vater meint hingegen, dass George über das Leben philosophiert und in ihm keinen Sinn findet (vgl. S. 47f). Lucy empfindet ihn bei ihrem Gespräch nach dem Mord auf dem Piazza Signoria als „vertrauenswürdig, aufgeweckt und sogar freundlich“ (S. 74 Z. 24f). Mit seinem Kuss zeigt George jedoch, dass er durchaus leidenschaftlich sein kann(vgl. S. 109).
Zufällig treffen die Emersons in der National Gallery in London auf Cecil, der ihnen eines der Häuser von Sir Harry Otway, einem Nachbarn der Honeychurches, in Summer Street vermittelt.
Dort willigt George spontan in Freddys Einladung, mit ihm und Mr Beebe zu baden, ein. Seine nachdenkliche Art scheint er trotz dieser spontanen Entscheidung nicht verloren zu haben, denn auf dem Weg zum Teich philosophiert er mit Mr Beebe darüber, ob es Zufall oder Schicksal sei, dass die Emersons nach Summer Street gezogen sind. George ist der Meinung es sei Schicksal. Beim See angelangt ist George beim Baden zunächst weiterhin zurückhaltend, bis er plötzlich übermütig mit den anderen zu toben beginnt. Selbst als Mrs Honeychurch, Lucy und Cecil auf ihrem Spaziergang zum Teich gelangen, nimmt Georges Übermut keinen Abbruch. (vgl. S. 199-205)
Auch in späteren Situationen fällt es Lucy und Mr Beebe auf, dass George nun „besser gelaunt“ (S. 219 Z. 24) sei und auch mehr lache (vgl. S. 219). Ebenso lässt sich in seinem Verhalten eine gewisse Herzlichkeit erkennen („Plötzlich brach die Güte, die Mr. Beebe und Lucy immer in ihm [George] vermutet hatten, durch wie Sonnenlicht, das eine Landschaft überflutet – ein Hauch von Morgensonne?“ S. 233, Z. 26ff).
George wird immer offener und scheint seinen „Sinn des Lebens“ gefunden zu haben. So wagt er es bei einem sonntäglichen Besuch in Windy Corner, Lucy wiederum zu küssen. Zuvor hatte Cecil laut aus Miss Lavishs neuen Roman, der in Florenz spielt, vorgelesen. Neben dem Mord, den Lucy beobachtet hatte, kam unter anderem auch eine Kussszene vor, die der zwischen George und Lucy stark ähnelt (vgl. S. 240-245). So geschieht es, dass “George, der leidenschaftlich liebt[e]“(S. 245, Z. 25) Lucy ein weiteres Mal küsst.
Er wird daraufhin durch Charlotte, die zu Besuch ist, von Lucy zu einem Gespräch gebeten, bei dem ihre Cousine ebenfalls anwesend ist. In diesem Gespräch gesteht George Lucy seine Liebe und der Autor lässt zum ersten Mal einen Einblick in Georges Wesen durch dessen eigene Worte zu („Ich bin im Dunkeln gewesen und werde wieder dorthin zurückkehren, es sei denn, Sie versuchen zu verstehen.“ S. 255, Z. 21f).
Nach seinem Geständnis und Lucys Ablehnung verlässt George das Haus und trifft Vorbereitungen, mit seinem Vater, aus Summer Street fortzuziehen, damit er wie versprochen Lucy nie wieder unter die Augen tritt. Dass sich alles schließlich doch zum Guten wendet, liegt nicht an George, sondern an seinem Vater, dem er sich nun endlich anvertraut.
¹Forster, Edward Morgan: Zimmer mit Aussicht. München. Goldmann Verlag 1998. S.14 Z. 13f
4.2 Cecil Vyse
Daniel Day-Lewis als Cecil Vyse
Cecil gehört zur gehobenen Schicht Londons. Lucy lernt ihn nach ihrer Abreise aus Florenz in Rom kennen. Bereits auf der Italienreise macht er ihr zwei Heiratsanträge, die sie zunächst ablehnt. Den dritten Antrag in England nimmt sie schließlich an.
Cecil hat zuvor nicht nur Mrs Honeychurch, sondern auch Freddy, Lucys Bruder, um „Erlaubnis“ gefragt. Mrs Honeychurch ist durch dieses Verhalten durchaus überrascht, da Cecil sonst doch immer was für unkonventionelles Vorgehen übrig habe (S. 131, Z. 9f), wie sie einschätzt. Sie scheint die Verlobung zu befürworten, während Cecil auf Freddy eher als jemand wirkt, der zu dick aufträgt, in dessen Gegenwart eine gewisse Steifheit entsteht und der keine anderen Meinungen gelten lässt (vgl. S. 134). Mrs Honeychurch hingegen bezeichnet Cecil als gut, klug und reich und preist vor allem seine guten Beziehungen (vgl. S. 133).
Cecil neigt dazu sein Wissen mit meist italienischen Zitaten (beispielsweise „I promessi sposi“ (S. 137, Z. 8)¹ ) zur Schau zu stellen, was einen Aspekt seines Snobismus verdeutlicht.
Auch wenn er eine Faszination für Lucy entwickelt hat, empfindet er ihre Familie doch als einfach, ebenso wie die ländliche Gesellschaft. Die Tatsache, dass er selber keinem Beruf nachgeht nennt er als ein Zeichen seiner eigenen Dekadenz (vgl. S. 141ff).
Nach der Bekanntmachung der Verlobung besuchen Lucy und Cecil eine kleine Gartenparty in der Nachbarschaft. Cecil empfindet sie als „ausgesprochen schrecklich“ (S. 152, Z. 11). Es stellt sich heraus, dass Sir Harry Otway, ein Nachbar, neue Mieter für zwei kleine Häuser in Summer Street sucht. Lucy schlägt vor, den Miss Alans, die sie in der Pension Bertolini kennenlernten, das Angebot zu machen. Schließlich ziehen jedoch die Emersons durch Cecils Vermittlung dort ein.(vgl. S. 177f) Er empfindet dies als eine Gelegenheit, Sir Harry „mal eins auszuwischen“(S. 182, Z. 10), da er diesen ebensowenig wie Mr Beebe leiden kann (vgl. S. 165)
Nach der Gartenparty unternehmen Lucy und Cecil noch einen kleinen Spaziergang. Cecil äußert den Verdacht, dass sie sich in einem Zimmer mehr mit ihm zu hause fühle (S. 166, Z. 24). Lucy bestätigt, dass er zumindest in ihren Vorstellungen immer in einem Zimmer ist – einem Zimmer ohne Aussicht (vgl. S. 167, Z. 8). Dies vergleicht den Charakters Cecils mit der statischen Steifheit von Räumlichkeiten im Gegensatz zur Lebendigkeit der freien Natur.
Auf ihrem Spaziergang erreichen die beiden schließlich den „Heiligen Teich“, jenen, an dem sie später auch den Badenden begegnen. Dort bittet Cecil Lucy um einen ersten Kuss, welchen Cecil am Ende durchaus berechtigt als mißglückt empfindet. Er wünscht sich , dass er leidenschaftlich wäre und leichter Abstand von Konventionen nehmen könnte (vgl. S. 169f).
Bei einem Besuch bei Cecils Mutter in London reagiert Lucy endlich in Cecils Augen „so[,] wie eine Frau es tun sollte“ (S. 185, Z. 14); sie sieht scheinbar zu ihm auf, weil er ein Mann ist (vgl. S.185). Nachdem Lucy auf einer Dinnerparty Klavier gespielt hat und zu Bett gegangen ist, unterhalten sich Cecil und seine Mutter. Er schwärmt von Lucys Klavierspiel und malt sich die gemeinsame Zukunft aus, vor allem die Erziehung der gemeinsamen Kinder (vgl. S. 190).
Cecil und Lucy kehren aus London zurück und machen gemeinsam mit Mrs Honeychurch einen Spaziergang durch den Wald zum „Heiligen Teich“. Als sie dort auf die Badenden treffen, beschreibt der Autor eine Form von „Ritterlichkeit“ in Cecils Charakter. „‘Kommen Sie augenblicklich hier entlang!‘ befahl Cecil, der stets meinte, Frauen führen zu müssen, obwohl er selbst nicht wußte wohin, und sie zu beschützen, wiewohl er nicht wußte vor wem.“ (S. 203, Z. 21ff). Es beschreibt auch gleichzeitig Cecils Auffassung von dem Verhältnis zwischen Mann und Frau.
Nach einiger Zeit lebt Cecil seine Abneigung gegenüber der ländlichen Nachbarschaft mehr und mehr aus, so dass selbst Mrs Honeychurch Mißfallen an seinem Verhalten findet. Lucy verteidigt ihn damit, dass er hohe Ansprüche an die Menschen stelle (S. 208, Z. 14). Doch fällt es ihr nicht mehr so leicht ihn zu verteidigen.
Als nun George Emerson an einem Sonntag zu Besuch ist, fühlt sich Cecil vernachlässigt: Erst scheint man empört, dass er nicht Tennis spielen will, und als er Lucys Aufmerksamkeit nach dem Spiel wieder auf sich richten will, indem er Szenen aus Eleanor Lavishs Buch „Unter einer Loggia“ laut vorliest, wendet Lucy sich immer wieder an George (vgl. S. 238ff). Cecil ist auf seine Art eifersüchtig.
Georges Beschreibung von Cecil als Person bei seiner Aussprache mit Lucy fasst all die in Erscheinung getretenen Eigenschaften von Cecil regelrecht noch einmal zusammen. Er beschreibt Cecil als jemanden, der unfähig wäre mit Menschen umzugehen und wie er anderen Menschen seine Meinung aufzwingt, was Freddy schon zu Anfang bemerkte. Er entlarvt Cecils Klischeedenken bezogen auf das Verhältnis zwischen Mann und Frau und dessen Unfähigkeit zum leidenschaftlichen Verhalten (vgl. S. 253ff).
Cecil, der sich, besonders nach dem Besuch bei seiner Mutter in London, Lucys Zuneigung so sicher fühlte, ist von ihrer Lösung der Verlobung überaus überrascht. Zunächst will er Lucys Argumente gar nicht verstehen, da er sie noch immer auf seine Art bevormundet. Schließlich erkennt er in Lucys Argumenten, die eigentlich die von George sind, sich selbst wieder. Der Charakter Cecil macht eine erstaunliche Wendung, indem er die von Lucy ausgehende Kritik verinnerlicht. Er erkennt seine eigenen Ideale als veraltet und zeigt eine Form von Reue. Und so nimmt er Lucys Auflösung der Verlobung demütig hin (vgl. S. 259ff).
¹Titel eines Romans von Alessandro Manzoni (1785-1873); dt. „Die Verlobten“ (vgl. S.137 A.d.Ü.)
4.3 Lucy Honeychurch
Helena Bonham Carter als Lucy Honeychurch
Lucy M.¹ Honeychurch ist die zentrale Figur des Romans. Sie ist ein junges Mädchen aus dem englischen Mittelstand. Lucy ist sich über sich selbst und ihre Bedürfnisse sehr unsicher, darum fällt sie ständig darauf zurück, sich regelrecht blind von anderen leiten zu lassen. So orientiert sie sich, was Takt und Etikette betrifft, an ihrer Cousine Charlotte, vor allem auf ihren Aufenthalt in Florenz bezogen. Sobald Lucy ihren eigenen Wünschen Worte verleiht, fühlt sie sich Charlotte gegenüber egoistisch (vgl. S. 12). Als Lucy sich auf dem gemeinsamen Weg zur Besichtigung der Kirche Santa Croce auf einmal von Miss Lavish verlassen sieht, ist sie zuerst verwirrt. Doch fasst sie auch schnell Mut, sich auf ihr eigenes Urteilsvermögen zu verlassen (vgl. S. 37). Als sie in der Kirche dann auf Mr Emerson trifft, ist sie mit seiner Offenheit, in der er ihr genau jenes Anpassungsverhalten vorwirft, noch immer überfordert und fällt in das ihr von anderen vorgelebte Klischeedenken zurück. In ihrem Inneren jedoch sympatisiert sie mit der Art dieses Mannes (vgl. S. 40f). Im Verlauf ihres Gespräches verunsichert er Lucy, was sie selbst aber in Mitleid für die Emersons umkehrt. Schließlich rettet sich Lucy in die sichere Welt neben ihrer Cousine(vgl. S. 49). Lucy kann die Emersons nicht richtig in ihre Welt einordnen („‘Mr. Beebe – der alte Mr. Emerson, ist er fein oder unfein? Das möchte ich nur zu gern wissen.‘“ Lucy S. 62, Z. 12f)
Das alltägliche Leben hinter der Etikette allerdings irritiert Lucy auf eine gewisse Weise ebenso. Vor diesen Verwirrungen des Lebens flieht sich Lucy in ihr Klavierspiel, wo sie ihre Emotionen ausleben kann (vgl. S. 51f).
Durch das Klavierspielen in sich selbst bestätigt, wagt Lucy es, alleine einen kleinen Ausflug zu unternehmen. Sie genießt die Freiheit, sich Abbildungen zu kaufen, u.a. auch die „Geburt der Venus“, die Charlotte für verdorben hält.
Der Anblick eines Mordes auf dem Piazza Signoria überfordert sie dann allerdings doch (vgl. S. 70). Der in dieser Situation bestimmt auftretende George gibt ihr jedoch wieder Sicherheit. Auf dem Rückweg zur Pension deutet George seine Gefühle für Lucy an, doch sie vergräbt sich wieder in ihrer Etikette und redet sich ein, dass er eben diese für sie nie erfüllen könne (vgl. S. 74f).
Trotz Lucys Bemühen, die Situation mit George zu verdrängen, erinnern allein die Orte sie bei einem Spaziergang mit Charlotte immer wieder an George(vgl. S. 77f). Eine Wandlung ist in Lucy geschehen, die ihr selbst die Aussicht auf eine Tea-Party in einer Renaissance-Villa nicht mehr als das Hoch aller Dinge scheinen lässt (vgl. S. 82). Doch den Emersons würde sie am liebsten nie wieder begegnen („[...]die Emersons am liebsten zwar nie wiedergesehen hätte[...]“ S. 87, Z. 14f). In diesem Drang wünscht sie sich fort von Florenz und den Emersons nach Rom (vgl. S. 92).
Doch kommt sie nicht umhin, gemeinsam mit den anderen Pensionsgästen und den Emersons auf einen Ausflug in die Hügel zu fahren; ein Wink des Schicksals, der Lucy den Moment zwischen ihr und George wieder vor Augen führt (vgl. S. 96). Beim Picknick schließlich schlägt das Schicksal zu, und die Lucy kaum bewußte Anziehung zwischen ihr und George nimmt ihren vorläufigen Höhepunkt in einem Kuss (vgl. S. 109).
Lucy ist einmal mehr irritiert. Der Gedanke an die Romantik dieses Moments lässt in ihr keine echte Reue zu (vgl. S. 115). Sie erfährt das Gefühl von Leidenschaft, und meint, sich endlich selbst und ihre Gefühle zu finden. Doch als durch Charlotte die steife Etikette der englischen Gesellschaft wieder Einfluss auf sie nimmt, fällt Lucy zurück in ihr altes Verhaltensmuster (vgl. S. 117). Im Inneren jedoch bewahrt sich Lucy einen Teil dieses neuen Ichs.
Diese erste Verwandlung, die Lucy in Florenz durchlebt, macht einen Großteil ihrer Anziehungskraft auf Cecil aus („[...]Lucy aus einem anderen Holz geschnitzt war[...]“ S. 141, Z. 21). In ihrem Versuch, sich wieder den gesellschaftlichen Normen anzupassen, verlobt sich Lucy mit Cecil, der die gesellschaftliche „gute Partie“ verkörpert (vgl. S. 133).
Doch keimt auch gegen Cecil bald ein gewisser Widerspruch in Lucy auf. Seine Abscheu gegenüber einfachen Menschen (wie Sir Harry und auch Mr Beebe) lässt in ihr die Befürchtung aufkommen, dass er demnächst Menschen, die ihr nahe stehen ebenso seinem Hohn aussetzt (vgl. S. 165). Cecils Beschuldigung, sie fühle sich mit ihm nur in einem Zimmer wohl, versteht sie allerdings nicht („[...] schüttelte sie das Thema als für ein Mädchen zu schwierig ab[...]“ S. 167, Z. 15f).
Der Autor beschreibt Lucys Wandlung, wie diese sie selbst sieht: Als ein neues Verständnis der Gesellschaft, in der sie aufgewachsen ist. Sie meint, über die eingefahrene Blickweise ihrer Nachbarn hinaus sehen zu können und empfindet auch gesellschaftliche Grenzen nicht länger als unumgänglich. Gleichzeitig bezieht sie diese neue Sicht allein auf „ganz persönliche Beziehungen“ (vgl. S. 172f).
Während die Emersons nach Summer Street ziehen, besuchen Cecil und Lucy Mrs Vyse, Cecils Mutter, in London. Es soll ein erster Versuch Cecils sein, Lucy in die Londoner Gesellschaft einzuführen (vgl. S: 188). Lucy sieht dies allerdings mehr als eine willkommene Gelegenheit, den Emersons zu entgehen (vgl. S. 185), und empfindet das Londoner Leben eher als befremdend (vgl. S. 189).
Doch wird Lucy kurz nach ihrer Rückkehr aus London bei einem Spaziergang mit Cecil und ihrer Mutter recht provokant an die Anwesenheit von George erinnert, als dieser gemeinsam mit Lucys Bruder Freddy nackt aus einem Gebüsch springt (vgl. S. 203). Diese unerwartete Begegnung hat Lucys Vorstellungen, wie ein Wiedersehen mit George ablaufen müsse, untergraben. Für einen Moment ist sie in der Schönheit einer Situation mit George gefangen, wie zuvor in Italien (vgl. S. 206f).
Als sich Mrs Honeychurch bei Lucy über Cecils ablehnendes Verhalten gegenüber der Nachbarschaft beschwert, wird Lucy der klaffende Unterschied zwischen ihrem Zuhause und ihrer Londoner Zukunft mit Cecil klar. (vgl. S. 208f).
Die Erinnerung an George vergleicht Lucy mit einem Gespenst, das ihr überall aufzulauern scheint, was ihr vor allem in Cecils Gegenwart überaus unangenehm ist. Nicht allein, dass das Auftauchen der Emersons Mr Beebe zu Anekdoten aus Florenz animiert, auch Freddy scheint gefallen an ihnen gefunden zu haben und versucht Lucy auszufragen (vgl. S. 214). Nach außen und vor allem gegenüber ihrer Cousine Charlotte, die zu Besuch ist, gibt Lucy sich gelassen (vgl. S. 226).
Nach dem Kirchenbesuch entdeckt Lucy an George Schwächen, etwas, was ihr an Männern zuvor unvorstellbar schien; dass er seinem Vater anscheinend dennoch nichts von dem Kuss erzählt hat, löst in ihr eine Form von Bewunderung und Erleichterung aus (vgl. S. 234f). Am Nachmittag genießt sie es, anstelle von Klavier mit den anderen Tennis zu spielen, und da sie, wie sie es selber nannte, George „vergeben“ hatte, war sie nun besonders freundlich zu ihm (vgl. S. 240).Gleichzeitig erregt der schlechtgelaunte Cecil ihr Mißfallen (vgl. S. 242). Als Cecil aus Miss Lavishs Roman die Kussszene vorliest, ahnt Lucy schon fast, was darauf folgen muß, dass George, „der leidenschaftlich liebt[e]“ (S. 245, Z. 25), sie wiederum küssen wird (vgl. S. 245).
„Aber Lucy hatte sich seit dem Frühjahr entwickelt. Das heißt, sie war jetzt besser imstande, jene Gefühle zurückzudrängen, die Konventionen und Welt mißbilligen“ (S. 246, Z. 1ff). Lucy belügt sich über ihre eigenen Gefühle und so in ihrem Gespräch mit George auch diesen (S. 252ff). Doch erkennt sie nach dem Gespräch ebenso, dass sie Cecil nie geliebt hat (vgl. S. 257).
Als Begründung für die Auflösung der Verlobung gibt sie Cecil gegenüber dessen Abneigung gegen die Wesensart ihrer Familie an („Du magst weder Freddy noch meine Mutter.“ S. 260, Z. 18f). Als ihm diese Erklärung zu dürftig ist, verweist sie auf seinen unbewußten Snobismus (vgl. S. 262). Als Cecil allerdings ihre Begründungen anerkennt sieht schreckt Lucy ein wenig zurück und bestreitet unvermittelt, sich in jemand anderen verliebt zu haben – eine Lüge (vgl. S. 265).
Lucy nimmt die Möglichkeit, nach Griechenland zu reisen, als eine sehr wilkommene Flucht an; nach außen hin zwar eine Flucht vor dem Gerede der Menschen, doch im Grunde handelt es sich dabei um eine Flucht vor ihren Gefühlen (vgl. S. 278).
Im Gespräch mit Mr Emerson wird Lucy klar, welche Bedeutung Georges Fähigkeit zu liebe in dessen eigenem Leben und dem seines Vaters spielt (vgl. S: 304f). Es scheint ihr unmöglich, ihre Gefühle vor ihm zu verbergen, und diese Unfähigkeit lässt sie zornig werden (vgl. S. 309). Doch er provoziert sie weiter, bis sie sich endlich öffnet, und ihm unter Tränen ihre Verwirrung darlegt (vgl. S. 310). Schließlich ergibt sich Lucy ihrer Leidenschaft und gesteht ihre Liebe zu George (vgl. S. 313).
¹ Lucys Zuname wird im Roman nur ein einziges Mal in abgekürzter Form erwähnt, als Unterschrift unter einem Brief (vgl. S.188)
5. Schlussbetrachtung
Mein Ziel, Lucy Honeychurchs Widerstand gegen die britische Gesellschaft und ihre gleichzeitige Anpassung an diese darzustellen, hat sich als überaus umfangreich erwiesen. Deshalb habe ich mich darauf beschränkt, die Figur des George Emerson als Lucys Widerstand, und die des Cecil Vyse als ihre Anpassung vorzustellen und anschließend Lucys Entwicklung im Roman darzulegen.
Lucy wächst auf unter den ethischen Normen der britischen Gesellschaft und unterwirft sich, dem Frauenbild dieser Generation entsprechend, kritiklos. Unter diesem Aspekt geht sie in der Rolle als Cecils Verlobte vollständig auf.
Erst durch die wiederholten Begegnungen mit dem unkonventionellen George werden im Laufe des Romans eigene Wünsche und Vorstellungen in Lucy ausgelöst, die zum Widerstand gegen die gesellschaftlichen Normen führen.
Die Eheschließung zwischen Lucy und George ist hier kein Widerspruch, da die Beziehung der beiden durch ihre Charaktere lebendig bleibt und nicht in statischen Konventionen verharrt. Sie empfinden sich als für die damalige Zeit verhältnismäßig gleichberechtigte Partner und unterstützen die Wünsche des anderen. „Ich möchte, daß Sie Ihre eigenen Gedanken denken, selbst dann, wenn ich Sie in den Armen halte.“ (S. 254, Z. 26ff)
E. M. Forster hängte 1958 der bestehenden Ausgabe des Romans noch einen Epilog an. Er wirft darin einen Blick auf die Entwicklung der Protagonisten über das Ende des Romans hinaus.
Meiner Meinung nach möchte Forster in seinem Roman nicht ausdrücken, dass Widerstand gegen gesellschaftliche Normen der einzig richtige Weg sei, sondern vielmehr, dass jeder seinem Herzen folgen und sich dabei durch nichts einschränken lassen sollte. Wie Forster im Epilog und auch im Roman verdeutlicht, verdient der Charakter Cecils für seine Anpassung an die gesellschaftlichen Konventionen keine Verachtung, da er sich ihrer auf seine eigene Weise bedient.
6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
Forster, Edward Morgan: Zimmer mit Aussicht. Goldmann Verlag 1998
6.2 Sekundärliteratur
Doll, Rob: A reading of E.M. Forster’s A Room with a View [online].
2002, update: 11. Dezember 2002
http://www.emforster.info/roomview.html. 04.01.2003
Drabble, Magaret: Aspects of E.M. Forster: Biography [online].
1998, update: 20. November 2002
http://emforster.de/hypertext/template.php3?t=life. 04.01.2003
Whang, Jennifer Y.: ‚Only Connect‘: Who is E.M. Forster? [online].
6. November 1995, update: 16. Dezember 2002
http://www.musicandmeaning.com/forster/whois.html. 04.01.2003
7. Abbildungsverzeichnis
Edward Morgan Forster 1920-1930
http://emforster.de/hypertext/template.php3?t=picview&pic=forster_young. 04.01.2003
Julian Sands als George Emerson
http://www.dee-dee.net/julian/photos/view3.jpg. 04.01.2003
Daniel Day-Lewis als Cecil Vyse
http://www.geocities.com/SoHo/Exhibit/6747/roomview.gif. 04.01..2003
Helena Bonham Carter als Lucy Honeychurch
http://www.helena-world.com/films/room/dvd_room16.jpg. 05.01.2003
8. Anhang (Sekundärliteratur)
(siehe nachfolgende Seiten)